Fundstücke, Mai 2026 — Zehn Funde aus dem deutschen Web
Eine kuratierte Liste — zehn Online-Funde, die wir in den letzten vier Wochen bemerkenswert fanden. Vom liebevoll gepflegten Heimatmuseum-Auftritt bis zur eigensinnigen Personal-Site einer Schiffbauingenieurin. Keine Algorithmus-Suggestionen, kein Trending — nur das, was uns vor den Augen kam und blieb.
Wir haben es uns angewöhnt, einmal im Monat eine kleine Liste zu führen — Funde aus dem deutschsprachigen Web, die sich nicht selbst beworben haben, die in keinem Newsletter standen, die wir auch nicht über Suchmaschinen-Treffer fanden, sondern seitlich: über einen Link aus einem fremden Blogpost, über einen Hinweis im RSS-Feed eines befreundeten Lesers, über einen halb vergessenen Bookmark, der plötzlich wieder bemerkenswert wurde.
Hier sind die zehn vom Mai 2026.
1. Das Heimatmuseum Greifenstein
heimatmuseum-greifenstein.de. Das Heimatmuseum eines Bergdorfes im Erzgebirge führt seit acht Jahren ein eigenes Online-Inventar — etwa 1.400 Objekte, jedes mit Foto, Maßangabe, Provenienz-Eintrag und einer kleinen, oft handgeschriebenen Notiz zur lokalen Bedeutung. Die Site ist in einem soliden, fast schon herrlich altmodischen HTML gehalten. Keine Cookies. Keine Bewegtbild-Tracker. Stattdessen: eine Spinnstube aus dem Jahr 1893, einzeln katalogisiert.
2. Wartung des Westerwaldnetzwerks
Ein Bürgermeister einer 4.700-Einwohner-Gemeinde im Westerwald hat sich entschieden, jeden Mittwoch um 19:30 Uhr in einem Blogpost zu erklären, welche Verwaltungsentscheidung diese Woche getroffen wurde und warum. Seit November 2024. Inzwischen 67 Einträge. Wir kennen keinen besseren Beweis dafür, dass kommunale Kommunikation funktioniert, wenn man sie nicht den Pressestellen überlässt.
3. Linotype 1962
Eine Personal-Site einer ehemaligen Schriftsetzerin (geboren 1937, Berlin) — sie schreibt seit zwei Jahren über ihre Lehrjahre in einer Westberliner Setzerei, Schicht für Schicht, Maschine für Maschine. Die Linotype-Beschreibung allein umfasst sieben einzelne Posts, mit Skizzen, die sie selbst auf Karopapier zeichnet, einscannt und einbindet. Eine Fundgrube nicht nur für Typographie-Interessierte.
4. Vereinsblatt online
tsv-wittenburg-online.de. Der TSV Wittenburg (Mecklenburg) druckt sein Vereinsblatt nicht mehr — er stellt es ins Netz, aber: er behält das Layout des gedruckten Heftes bei. Spaltensatz, Schriftbild, Inserate-Anordnung. Wer das aufruft, sieht ein Vereinsblatt der späten 1990er Jahre, das nur eben digital lesbar ist. Eine Form der Bewahrung, die wir bemerkenswert finden.
5. Schiffbauingenieurin am Ostseeufer
Die Personal-Site einer pensionierten Schiffbauingenieurin in Greifswald. Sie hat ihre dreißig Berufsjahre in der Volkswerft Stralsund in einer Art technischem Tagebuch aufgearbeitet — Schiff für Schiff, das sie mitkonstruiert hat. Frachter, Kühlschiffe, ein Trawler-Prototyp. Jede Seite ist eine kleine technische Geschichte plus eine persönliche Note. Wir wussten nicht, dass solche Sites existieren.
6. Die Wetterstation Hochrhön
Eine private Wetterstation auf der Hochrhön, betrieben seit 2003, mit täglichen Aufzeichnungen, monatlichen Auswertungen, Vergleichsdiagrammen über zweiundzwanzig Jahre. Die Site selbst — wetter-hochrhoen.de — sieht aus wie eine Datenbank, die jemand zwischen 2005 und heute schrittweise erweitert hat, ohne sie jemals zu redesignen. Genau das ist der Charme.
7. Das Online-Archiv des Anzeigenblattes Bützow
Das lokale Anzeigenblatt einer mecklenburgischen Kleinstadt hat 2024 begonnen, seine Ausgaben von 1991 bis 2010 zu digitalisieren und nach Jahrgängen frei zugänglich zu stellen. Über 600 Hefte. Eine Fundgrube für Lokalgeschichtsinteressierte und ein stilles Argument gegen die These, dass nur Großverlage Archive führen könnten.
8. Die Imker-Vereinsseite Schwarzwald-Hochwald
imker-schwarzwaldhochwald.de. Eine Vereinsseite, die seit 2008 zweimal monatlich einen handgeschriebenen, eingescannten und als JPG hochgeladenen Brief des Vereinsvorsitzenden veröffentlicht. Über Bienenflug, Trachtprognose, Sommertrocknis. Der Stil ist altväterlich, der Inhalt fachlich präzise. Wir wünschten, mehr Vereine machten das so.
9. Hörspiel-Archiv eines Privatsammlers
Ein Privatsammler aus dem Sauerland pflegt seit 2011 eine Liste aller westdeutschen Hörspiele, die er besitzt — etwa 4.300 Titel, jeweils mit Erscheinungsjahr, Sender, Spieldauer und einer kurzen Inhaltsnotiz. Suchbar, sortierbar, in einem schmucklosen Tabellen-Design, das auf jedem Browser funktioniert. Wer Hörspiele liebt, wird hier verloren gehen.
10. Stadtteil-Beobachtungen Köln-Nippes
Eine Bewohnerin von Köln-Nippes schreibt seit 2018 eine Art Stadtteil-Tagebuch — Veränderungen auf der Neusser Straße, neue Läden, geschlossene Kioske, Beobachtungen über Nachbarschaft. Der Eintrag, der uns diesmal besonders auffiel: ein Vergleich zwischen den Schaufenster-Auslagen der türkischen Bäckereien in Nippes 2018 und 2026. Ein Stück Stadtethnographie, das in keiner Kulturzeitung erscheinen würde.
Im Juni werden wir diese Liste fortsetzen. Vorschläge nehmen wir gern entgegen — [email protected]. Wir veröffentlichen nichts ohne vorherige Sichtung. Kein Algorithmus, kein Trending, keine Werbung. Nur das, was wir tatsächlich gelesen haben.